Liebe FAIRwandler,
Gestern habe ich mich auf der BioFach insbesondere zum Thema Siegel Dschungel mit einigen Verantwortlichen unterhalten, um zu verstehen, wie es hier weitergehen soll und warum hier von außen betrachtet so wenig Kooperation und Koordination zu passieren scheint. Fangen wir mal mit dem klassischen Fairtrade Bereich an.
Hier ging ja vor einigen Monaten die IMO (Institut für Marktökologie) mit ihrem Fair for Life Siegel an den Start, um einen weiteren Fairtrade Standard zu etabilieren. IMO kommt aus dem Bereich der Bio-Zeritifizierungen und trägt mit diesem Schritt, nach eigener Aussage, dem Wunsch vieler Kunden Rechnung, doch auch eine Fairtrade Zertifizierung anzubieten. Auf Nachfrage bei IMO am Stand, warum man denn nicht mit FLO Zusammenarbeiten würde, um hier den Verbraucher nicht unnötig mit zwei konkurrierenden STandards zu verwirren hieß es, daß zum einen hier Produktgruppen zertifiert würden, für die FLO noch keine Zertifizierung anbietet (hier wurde beispielsweise Anis genannt), zum anderen sind auch die Kriterien etwas anders gelagert. Der wesentliche Unterschied liegt wohl zum einen darin, daß IMO keine Lizenzgebühren für seine Zertifizierung verlangt, zum anderen gibt es hier keinen festgelegten Mindestpreis. Vielmehr überläßt man es den Produzenten hier selbst einen Mindestpreis zu verhandeln.
Natürlich habe ich auch bei FLO nachgefragt, warum die Gespräche zu einer Zusammenarbeit gescheitert sind. Ich habe aber auf der Messe keine Stellungnahme bekommen. Keiner wollte sich dazu äußern, es wurde mir aber versprochen, daß ich im Nachgang zur Messe noch etwas bekommen würde. Beim Weltladen Dachverband und dem Forum Fairer Handel schüttelt man über das neue Siegel nur den Kopf.
Es bleibt abzuwarten, inwieweit dieses Siegel Akzeptanz findet. Aus Verbrauchersicht ist es aber sicherlich nicht hilfreich, dem Siegeldschungen hier noch ein weiteres Siegel hinzuzufügen, zumal das Fairtrade Siegel eines der wenigen international eingeführten Siegel mit hoher Akzeptanz ist. Ich denke, am Ende stecken hier auch wirtschaftliche Interessen dahinter.
Mehr Informationen zu diesem neuen Siegel findet ihr unter:
www.imo.ch
Auch in der Naturkosmetik Branche ist ein neues Siegel angetreten, für mehr Transparenz zur Sorgen. Die 3 NaTrue Siegel wurden von 5 der großen Hersteller ins Leben gerufen, um ein Zeichen zu setzen, wie es auf der Webseite heißt. Am NaTrue Stand erzählt man mir, daß es darum ginge, einen europaweiten Standard zu setzen. Ich persönlich bin da immer etwas skeptisch, wenn Hersteller selbst ein Siegel gründen um die Qualität ihrer Produkte zu zertifizieren. Im Gespräch mit BDIH (Bundesverband Deutscher Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und Körperpflegemittel e.V.), die bislang mit ihrem eingeführten Siegel “kontrollierte Naturkosmetik” 130 Produzenten unter Vertrag haben schüttelt man naturgemäß über das neue Siegel den Kopf. 5 BDIH Kunden hätten sich hier abgespalten, darunter Dr. Hauschka und Weleda, wollten mehr europäische Geltung. Auch hier war man offensichtlich nicht in der Lage, einen gemeinsamen Weg zu beschreiten. Bislang fahren aber alle, außer Weleda, noch einen parallelen Kurs. Schon alleine, weil bei NaTrue bisher nur wenige Produkte zertifiziert sind und auch die Akzeptanz im Markt erst noch gewonnen werden muß!
Alle Branchen sehen die Zusammenführung von fairen + bio Standards, das ist höchst erfreulich. Die neuen Siegel sind für mich aber keine erkennbare Verbesserung der Transparenz im Markt, aus meiner Sicht ist hier für den Verbrauche mehr eher weniger!
Auf der Transfair Pressekonferenz gab es dann aber auch viele postive Neuigkeiten. Das Highlight war sicherlich der Launch des neuen Fairtrade-Code Systems:
http://www.fairtrade-code.de/
Hier könnt ihr zukünftig auf Spurensuche zu eurem Produkt gehen. Wo wurde es hergestellt, welche Produzenten stecken dahinter? Wer ist der Importeur? Entlang des Entstehungsprozesses wird über diesen Code das Produkt für den Verbraucher noch viel anfaßbarer. Wie ich finde, eine tolle Sache, die hoffentlich Fairtrade weiter Auftrieb beim Konsumenten gibt! Noch sind es nur wenige Produkte, aber es sollen bald mehr werden, die über dieses System nachverfolgt werden können.
Auch Dieter Overath, Geschäftsführer von Transfair, spricht über die zunehmende Integration von Fair+Bio und verspricht, hier weiter mit FLO daran zu arbeiten, möglichst viele faire Produkte auch in Bio Qualität zu liefern. Es sind hier aber immer 2-3 Jahre der Umstellung zu überbrücken und natürlich auch Finanzierungskonzepte zu entwickeln, um diese Umstellung für die Produzenten möglich und sinnvoll zu machen. Gerade im Textil Bereich und bei Zucker gestaltet sich eine solche Umstellung bei den derzeitigen Marktpreisen für die Produzenten sehr schwierig, so Overath. Auch die Wirtschaftskrise wirft hier ihre Schatten, da die Hürden für Kreditvergaben hier höher geworden sind.
Es gibt auch neue Produktentwicklungen, an denn gearbeitet wird, so will man Fisch und Shrimp als nächstes zertifizieren.
Von FLO erfahre ich dann noch, das neben der Fischerei Branche auch für die Tourismus Branche geprüft wird, inwieweit hier ein Fairtrade Logo Anwendung finden könnte.
Alles in allem macht die Entwicklung im fairen Handel Mut! Deutschland hat hier noch großen Nachholbedarf im Vergleich zu europäischen Nachbarn wie der Schweiz oder England. Mit 110 Mio Umsatz ist das Transfair Siegel der Branchen Primus. Keiner konnte mir Zahlen zum Gesamtvolumen des Fairen Handels nennen, da es hier auch keine gemeinsame Sichtweise gibt, was hier neben dem Transfair Volumen hinzuzurechnen wäre. Hand-in-Hand von Rapunzel, Rainforest Alliance, die Liste anderer Labels die mit FAIR werben ist mittlerweile lang geworden. Aus Sicht des Weltladen Dachverbandes und Forum Fairen Handels sind diese Label aber nicht wirklich fair. Man könnte als sagen, sie sind im Transfair zu fair
(konnte mir dieses Wortspiel nicht verkneifen).
Fest steht aber, daß die Produzenten diese ideologischen Debatten wenig kümmern, wenn ihnen beispielsweise das Hand-in-Hand Siegel zu gesünderen Arbeits- und Lebensbedingungen verhilft. Vielleicht schafft es ja die Branche irgendwann, sich nicht nach den selben alten Mustern des Kapitalismus zu verhalten und stärker zu kooperieren und zu integrieren.
Herzlich grüßt
Frank